Maybe Never Got a Blog – Von der Kunst Dinge einfach mal zu tun

Hierzulande macht ja derzeit ein großer Zigarettenhersteller mit seiner MAYBE-Kampagne auf sich aufmerksam, und trifft damit bei mir, aber ich glaube auch bei vielen ähnlich Denkenden, einen Nerv – auch, oder gerade weil der Werbefeldzug eigentlich so rein gar nichts mit dem Rauchen zu tun hat. Ich werde hier allerdings gar nicht näher auf die perfide Weise eingehen, auf die die Zigarettenindustrie ein Lebensgefühl für ihre Zwecke instrumentalisiert, von dem ich glaube, dass es Viele in meinem Umfeld teilen.

Die Plakate setzen sich aus einer stilvollen Schwarz-Weiß-Photographie und eine großen Schriftzug zusammen. Beginnend mit den Worten “MAYBE NEVER…”, wird dann des weiteren spezifiziert, was denn also das Vielleicht nie erreicht oder getan hat. Das Markenzeichen ist dezent in der Ecke platziert, man könnte es beihnahe übersehen, das Plakat für reine Straßenkunst halten. Genau das ist es, was auch Menschen, die sich selbst gerne als alternativ sehen und sich für zu schlau halten um auf Werbung hereinzufallen, eben doch kriegt. Man ist angetan von der künstlerischen Qualität der Propaganda, und findet es sympathisch, dass der Sponsor des großfomatigen Kunstdruckes  sich in bescheidener Zurückhaltung nur eine kleine Ecke als Werbefläche auserkoren hat. Und schließlich gehört ja Rauchen irgendwie dazu, wenn man anders als die anderen sein will.

Aber wie gesagt, soll es eigentlich nicht um Verkaufspsychologie gehen (dazu empfehle ich folgenden Artikel, wenn es auch nicht direkt um Werbung geht: http://www.zeit.de/2012/18/Verkaeufer/, http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article106351705/In-welche-Psychofallen-wir-im-Supermarkt-tappen.html).

Ich finde, wenigstens manche der Plakate, haben oder hätten, getrennt von ihrem Werbungshintergrund eine Daseinsberechtigung. Das allein ist eine Diskussion wert: Darf Werbung als Kunst gelten und Kunst für Werbung benutzt werden? Wo genau fängt das Ganze an verwerflich zu werden? Doch auch dazu an anderer Stelle mehr.

Das Plakat, das mich aus verschiedenen Gründen am meisten angesprochen hat, zeigt eine junge Frau mit einer Gitarre und die Unterschrift “MAYBE NEVER WROTE A SONG”. Das ganze trägt in sich sehr viel Schönheit und Wahrheit. Ich glaube viele Menschen, gerade meiner Generation, haben ein unheimliches schöpferisches Potential, das sie vielleicht aus unterschiedlichen Gründen, hauptsächlich aber, wie ich glaube und es bei mir selbst beobachtet habe, aus einem bestimmten Grund brach liegen lassen. Und das bringt mich zu meiner These, die hoffentlich etwas Licht auf die Frage wirft, warum ich begonnen habe zu bloggen (aber nicht nur das) und was das mit Zigarettenwerbung zu tun hat.

These: Das Vielleicht mag zwar bequem sein, aber es ist letzen Endes tödlich.

Es ist einfach etwas ‘vielleicht’ zu tun, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Man erspart sich die Entscheidung und das Risiko eines Fehlschlags, man kann ja warten, bis man sich sicher ist, dass es klappt. Aber so hat noch niemand Fahrrad fahren gelernt.

Diese Erkenntnis stellte sich langsam und durch unterschiedliche Ereignisse ein. Ein Auslöser war die Suche nach der Antwort für meine Unzufriedenheit, die sich wie so oft wieder einmal eines Mittags einstellte, an dem ich eigentlich alle Zeit der Welt hatte und trotzdem nichts mit mir anzufangen wusste. Ich wusste nur, das ich etwas an der Situation ändern wollte, andererseits wusste ich nicht recht, wie ich das anstellen sollte, zumal dies ja mit irgendeiner Art von Eigeninitiative verbunden gewesen wäre (etwas womit nicht nur ich meine Probleme zu haben scheine). Meine Unzufriedenheit, mein Wunsch nach Bedeutsamkeit und der Entfaltung meines kreativen Potentials, mündete in einen Ausruf, den ich mangels geeigneterer Medien bei Facebook mit meinen Bekannten teilte:

Ich wär so gerne Kunst.

Für den Moment war ich zufrieden damit meiner Unzufriedenheit derart eloquent Ausdruck verliehen zu haben. Nun harrte ich der Anerkennung meiner Kumpanen, die hoffentlich in Form von likes auf mich niederregnen mochte. Womit ich nicht rechnete war der ebenso berechtigte wie pragmatische Kommentar “Dann tu was”. Erst sehr viel später wurde mir bewusst, das diese lakonisch anmutende Bemerkung tatsächlich den Ausweg aus meinem Dilemma wies.

Wir dürfen unsere Unzufriedenheit über Tatenlosigkeit nicht mit Aktion verwechseln. Es reicht leider nicht aus uns auszumalen, was wir alles tun könnten, wir werden immer unzufrieden bleiben, wenn wir nichts unternehmen. Einige Beispiele aus meiner Erfahung klingen so:

  • Vielleicht mache ich mal bei einem Poetry Slam mit…
  • Vielleicht mache ich mal Straßenmusik…
  • Wieso mache ich eigentlich keinen Blog, ich verbalisiere schließlich gerne meine Gedanken…
  • Eigentlich sollte ich mich nach einen Nebenjob umsehen…

Jeder kennt derartige ‘Vielleichts’ (und ‘Eigentlich’, der große Bruder von ‘Vielleicht’ ist kein Bisschen besser) wenn sie auch in unterschiedlichster Gestalt auftreten mögen. Ich bin bei Weitem nicht damit zu Ende all solche ‘Vielleichts’ auszumerzen, aber ich glaube, dass genau hierin der Schlüssel zu einem zufriedenen Leben liegt. Weg mit den Kompromissen, dem illusorischen Vielleicht, dem “Ich könnte ja irgendwann mal”, dem “Eigentlich”!

Die Genugtuung eine neue Erfahrung gemacht zu haben, die Zufriedenheit etwas das erste Mal mit Erfolg getan zu haben, den “Zauber”, der laut Hesse jedem Anfang innewohnt, erlebt nur der, der den ersten Schritt macht, ohne sich von der Angst vor Fehlschlägen lähmen zu lassen. In anderen Worten: Wer etwas mit einen ‘vielleicht’ aufschiebt beraubt sich der Möglichkeit jetzt etwas Wunderbares zu erleben.

Ich halte dies in der Tat für ein göttliches Prinzip. Ich merke immer wieder, wie es Gott ist, der mich herausfordert ihm zu vertrauen und Dinge zu wagen, die ich nie zuvor getan habe. Seither betreibe ich die Sache als eine Art Projekt, über das ich hier von Zeit zu Zeit berichten werde. Beispielsweise habe ich tatsächlich an einem Poetry Slam teilgenommen, und bin nicht kläglich gescheitert. Ich habe Angefagnen des öfteren Straßenmusik zu machen und profitiere davon sowohl ideell als auch materiell. Wenn auch Risiken und Nebenwirkungen nicht ausbleiben, allgemein lässt sich sagen: Es lohnt sich.

Vielleicht lohnt sich ja sogar dieser Blog. Vielleicht erweist er sich auch als Fehlschlag. In jedem Fall habe ich etwas Neues getan. Etwas, das mich weiterbringt und ein wenig zufriedener macht. Kommentare und Meinungen sind natürlich herzlich willkommen.